D: Gesundheitskompetenz der Bevölkerung vor und während der Corona-Pandemie

Autor/-in: : Schaeffer, D., Berens, E.-M., Gille, S., Griese, L., Klinger, J., de Sombre, S., Vogt, D., Hurrelmann, K.
Erscheinungsjahr: 2021

Mit dem zweiten Health Literacy Survey Germany (HLS-GER 2) erfolgte eine erneute, methodisch weiterentwickelte Messung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland und ein Vergleich der Gesundheitskompetenz vor und während der Corona Pandemie. Erstmals wurden außerdem die digitale, die navigationale und kommunikative Gesundheitskompetenz untersucht. Diese Studie bestätigt die Verschlechterung der Gesundheitskompetenz in Deutschland und zeigt außerdem, dass die digitale Gesundheitskompetenz wie auch die Kompetenz im Bereich der Navigation in Deutschland sehr schwach ausgeprägt sind. Bei vielen der untersuchten Themen zeichnen sich während der Corona Pandemie leichte Verbesserungstendenzen ab; das gilt besonders für die digitale Gesundheitskompetenz. Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich, wie wichtig es ist, die Förderung der Gesundheitskompetenz und die dazu nötige Interventionsentwicklung zu intensivieren.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

  • Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland hat sich in den letzten sieben Jahren verschlechtert. Mit 58,8 Prozent weist deutlich mehr als Hälfte der Bevölkerung eine geringe Gesundheitskompetenz auf. Während der Corona Pandemie ist der Anteil geringer Gesundheitskompetenz leicht zurückgegangen.
    • 58,8 Prozent der Bevölkerung in Deutschland weisen nach dem HLS-GER 2 eine geringe Gesundheitskompetenz auf;
    • während der Corona Pandemie hat sich die Gesundheitskompetenz um 3 Prozentpunkte verbessert.
  • Gesundheitskompetenz ist sozial ungleich verteilt: Besonders Menschen mit niedrigem Bildungsgrad, niedrigem Sozialstatus, mit Migrationserfahrung, im höheren Lebensalter und mit chronischer Erkrankung oder langandauernden Gesundheitsproblemen weisen eine durchschnittlich geringere Gesundheitskompetenz auf. Die Studie unterstreicht damit die Bedeutung vulnerabler Gruppen. Mit diesen und anderen Befunden liefert die Studie wichtige Hinweise für die Entwicklung differenzierter, zielgruppengerechter Interventionskonzepte, wie sie seit langem gefordert werden, um die Teilhabechancen speziell vulnerabler Gruppen zu verbessern. Zu den Personengruppen mit durchschnittlich geringerer Gesundheitskompetenz gehören Menschen mit niedrigem Bildungsniveau (78,3 Prozent), mit niedrigem Sozialstatus (71,9 Prozent), ab 65 Jahren (65,1 Prozent), mit chronischer Erkrankung (62,3 Prozent), besonders mit mehreren langandauernden Erkrankungen, mit Migrationshintergrund (63,1 Prozent), vor allem Personen mit eigener Migrationserfahrung, im Alter zwischen 18 und 29 Jahren (60,7 Prozent). Zwischen Frauen und Männern bestehen geringe Unterschiede in der Gesundheitskompetenz.
  • Von den vier Schritten bei der Informationsverarbeitung (Finden, Verstehen, Beurteilen, Anwenden) fällt der Bevölkerung die Beurteilung von Informationen am schwersten. Die Beurteilung von Informationen fällt der Bevölkerung am schwersten: 74,9 Prozent der Befragten verfügen hier über eine geringe Gesundheitskompetenz. Auch bei der Anwendung von Gesundheitsinformation ist der Anteil geringer Gesundheitskompetenz mit 53,7 Prozent relativ hoch.
  • In allen drei untersuchten Bereichen – Krankheitsbewältigung/Versorgung, Prävention und Gesundheitsförderung – fällt den Befragten der Umgang mit Informationen schwer. Besonders gilt das für den Bereich Gesundheitsförderung. So wird etwa das Finden von Informationen zur Gesundheitsförderung in den alltäglichen Lebenswelten (Arbeitsplatz, Schule, Wohnumgebung) oder zu psychischen Gesundheitsproblemen als sehr schwierig eingeschätzt. Doch auch im Bereich Prävention bestehen Herausforderungen, wie sich etwa beim Thema Impfen zeigt. Ähnlich ist es bei der Krankheitsbewältigung/Versorgung. Beispielsweise werden Beipackzettel noch weitaus häufiger als zuvor für schwer verständlich gehalten. Auch zu beurteilen, ob eine Zweitmeinung eingeholt werden sollte, findet ein Großteil der Bevölkerung schwierig. Die Einzelergebnisse deuten exemplarisch an, wie vielfältig die Herausforderungen in den drei erfragten Bereichen sind. Im Bereich Gesundheitsförderung ist mit 67,7 Prozent der höchste Anteil an geringer Gesundheitskompetenz vorzufinden. Im Bereich Prävention beläuft er sich auf 54,8 Prozent, im Bereich Krankheitsbewältigung/Versorgung auf 45,2 Prozent. Während der Corona Pandemie hat sich die Gesundheitskompetenz hier tendenziell verbessert.
  • Geringe Gesundheitskompetenz hat zahlreiche negative Folgen und ist mit ungesundem Verhalten wie geringerer Bewegung, schlechterer Ernährung, häufigerem Übergewicht, schlechterer subjektiver Gesundheit, mehr Fehltagen am Arbeitsplatz und intensiverer Nutzung des Gesundheitssystems (mehr Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten, häufigerer Nutzung von Notfalldiensten) verbunden. Diese Zusammenhänge zeigen sich in der während der Corona Pandemie durchgeführten Zusatzerhebung stärker und belegen, dass geringe Gesundheitskompetenz eine wichtige Gesundheitsdeterminante und ein ökonomischer Faktor ist.
  • Die digitale Gesundheitskompetenz der Befragten ist sehr schwach ausgeprägt. Drei Viertel der Befragten weist eine geringe digitale Gesundheitskompetenz auf und hat große Schwierigkeiten, mit digitaler Information umzugehen.
  • Das gilt auch für die navigationale Gesundheitskompetenz: Nahezu vier Fünftel der Bevölkerung haben eine geringe navigationale Gesundheitskompetenz und sehen sich vor Schwierigkeiten im Umgang mit Informationen zur Navigation und Orientierung gestellt – besonders, wenn es um die Funktionsweise des Gesundheitssystems, das Verstehen von Gesundheitsreformen, Patientenrechte und Qualitätsfragen geht.
  • Die Interaktion und Kommunikation mit Ärztinnen und Ärzten fällt den Befragten leichter: Der Anteil geringer kommunikativer Gesundheitskompetenz ist relativ niedrig. Doch bestehen auch hier Herausforderungen: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung findet es beispielsweise schwer, die von Ärztinnen und Ärzten verwendeten Begriffe zu verstehen oder ausreichend Gesprächszeit zu bekommen.
  • Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse der HLS-GER 2 und auch der Zusatzstudie HLS-GER 2‘ den politischen Handlungsbedarf und zeigen, wie wichtig es ist, die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung weiter voran zu bringen.

 

Weitere Informationen


 

Datum der Veröffentlichung: 26.01.2021

26.01.2021

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