Rahmenbedingungen in Organisationen & Settings

Warum brauchen wir gute organisationale Rahmenbedingungen?

Gesundheitskompetenz hängt zum großen Teil davon ab, wie einfach oder schwierig es in einer bestimmten Situation ist, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. Gesundheitskompetenz ist demnach ein Zusammenspiel zwischen persönlichen Fähigkeiten und organisationalen Anforderungen.

Die (Notwendigkeit der) Förderung organisationaler Gesundheitskompetenz wurde im österreichischen Bundeszielsteuerungsvertrag 2017 aufgegriffen. Die ÖPGK initiierte daher ab 2018 einen dritten Schwerpunkt „organisationale Rahmenbedingungen zur Stärkung von Gesundheitskompetenz“.

ÖPGK-eigene Darstellung nach Parker 2009 Figure 6-1 Health literacy framework, p.92

 

Was ist eine gesundheitskompetente Organisation?

Eine gesundheitskompetente Organisation zeichnet sich dadurch aus, dass sie günstige Rahmenbedingungen für die Implementierung von Gesundheitskompetenz schafft und sich zum Beispiel  um möglichst leichten Zugang zu relevanten Informationen und Angeboten sowie Verbesserung der Kommunikation mit ihren Nutzer:innen bemüht.

Das Konzept der gesundheitskompetenten Organisation ist ursprünglich in Hinblick auf Organisationen des Gesundheitswesens entwickelt worden. In den USA hat das Institute of Medicine zehn Merkmale einer Gesundheitskompetenten Krankenbehandlungsorganisation entwickelt (Brach et al. 2012). Dieses Konzept war Ausgangspunkt für die Entwicklung des Wiener Konzeptes Gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen (WKGKKO). Das WKGKKO beinhaltet ein Selbstbewertungs-Instrument für Krankenhäuser, das auf neun Standards beruht, und macht Gesundheitskompetenz damit auf Organisationsebene bearbeitbar.

Starter-Kit zur gesundheitskompetenten Organisation

Um Organisationen zu unterstützen, hat die Arbeitsgruppe GKO ein sogenanntes „Starter Kit“ erarbeitet. Dieses besteht aus:

  • Praxisleitfaden: Es werden neun verschiedene Teilprozesse beschrieben, um Gesundheitskompetenz zu implementieren. Da jede Organisation dabei ihren individuellen Weg finden muss, ist der Praxisleitfaden so angelegt, dass er Flexibilität unterstützt.
  • Selbsteinschätzungsinstrumente: Diese sollen Organisationen darin unterstützen, Gesundheitskompetenz als grundlegendes Ziel einzuschätzen und systematisch zu verbessern. Derzeit stehen vier verschiedene Tools zur Verfügung, für (eher größere) Gesundheitseinrichtungen, für Primärversorgungseinheiten, für Betriebe und für Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit. Zudem hat Styria vitalis die Tools in Form von Leitfäden für Schulen und Gemeinden adaptiert und bietet diese zusammen mit der ÖPGK an.

Anerkennungsprozess für gesundheitskompetente Organisationen

Aufbauend auf das „Starter Kit“ entwickelt die Arbeitsgruppe GKO Anerkennungen, die eine Auszeichnung zur „Gesundheitskompetenten Organisation“ erlauben. Organisationen können sich dafür bewerben und sich auf drei verschiedenen Levels anerkennen lassen: Bronze, Silber und Gold. Derzeit gibt es zwei Anerkennungsprozesse: für die Offene Jugendarbeit und für Primärversorgungseinheiten (im Pilotdurchgang).

Erfahrungen aus der Praxis

Die bisher vorliegenden Erfahrungen zeigen: Die erfolgreichste Umsetzung von gesundheitskompetenten Organisationen erfolgt schrittweise im Sinne eines Changemanagement- oder Organisationsentwicklungsprozesses. Der Entwicklungsprozess beginnt üblicherweise mit Ist-Analysen der bestehenden Organisationsprozesse und -strukturen mit Hilfe unterschiedlicher Methoden – Interviews, Dokumentenanalysen, Beobachtungen, Assessments etc.

Der Weg zur gesundheitskompetenten Organisation wird an zwei Beispielen demonstriert:

  • Gesundheitskompetente Sozialversicherung: Um die Sozialversicherungen auf dem Weg hin zu einer gesundheitskompetenten Organisationen zu unterstützen, wurde die Methodenbox entwickelt. Diese liefert dazu Hintergrundinformation, Praxisbeispiele, Materialien und Hilfsmittel. Mehr
  • Gesundheitskompetenz-Pionier Finanzministerium: Der Fonds Gesundes Österreich finanzierte 2019 ein Pilotprojekt zur Förderung der Gesundheitskompetenz mit dem Finanzministerium als Kooperationspartner. Das Projekt zeigt, dass Konzepte und Methoden auch im öffentlichen Dienst erfolgversprechend einsetzbar sind. Mehr

Internationales Instrument zur Selbsteinschätzung der Gesundheitskompetenz in Krankenhäusern

Im Rahmen der Tätigkeit als „WHO Collaborating Centre for Health Promotion in Hospitals and Health Care“ hat die Gesundheit Österreich ein international abgestimmtes Instrument zur Bewertung von Health Literate Health Care Organisationen und Health Literate Hospitals entwickelt. Auf Basis bestehender Instrumente wurden vorhandene sowie zusätzliche Standards und Indikatoren auf ihre Anwendbarkeit in verschiedenen Ländern und Gesundheitssystemen geprüft. Dieses weiterentwickelte Instrument soll in verschiedenen nationalen Kontexten übersetzt und pilotiert werden. Eine finale Version soll durch die WHO-Europa veröffentlicht werden.

International Self-Assessment Tool for Organizational Health Literacy (Responsiveness) of Hospitals (OHL-Hos)

Referenzen

Literatur zum Thema gesundheitskompetente Organisation

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Brach, C., Keller, D., Hernandez, L. M., Baur, C., Parker, R., Dreyer, B., Schyve, P., Lemerise, A.J., Schillinger, D. (2012). Ten Attributes of Health Literate Health Care Organizations [dt. Übersetzung: „Zehn Merkmale Gesundheitskompetenter Krankenversorgungsorganisationen“], Washington, DC: Institute of Medicine of the National Academies.

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