Rahmenbedingungen in Organisationen und Settings

Warum brauchen wir gute organisationale Rahmenbedingungen?


Gesundheit entsteht dadurch, dass man in die Lage versetzt ist, informierte Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen sowie die Aufgaben im Alltag gesund bewältigen zu können und dadurch, dass die Gesellschaft in der man lebt, situative und organisationale Rahmenbedingungen herstellt, die dies ermöglichen. Die Strukturen/Rahmenbedingungen haben maßgeblichen Einfluss auf die (Gesundheits-)Kompetenz, möglichst gute Entscheidungen in Hinblick auf die eigene Gesundheit zu treffen.

Die Kompetenz einer Person, möglichst viele Entscheidungen in Vereinbarkeit mit ihren gesundheitlichen Auswirkungen treffen zu können, hängt zum großen Teil davon ab, wie einfach oder schwierig es in einer bestimmten Situation ist, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. Gesundheitskompetenz ist demnach ein Zusammenspiel zwischen persönlichen Fähigkeiten und organisationalen Anforderungen. Interventionen auf persönlicher Ebene – allein – greifen zu kurz.

Nach Parker ist Gesundheitskompetenz ein relationales Konzept. Das heißt Gesundheitskompetenz ist zum einen eine Frage der persönlichen Fähigkeiten, hängt aber zum anderen wesentlich von den Anforderungen der Organisationen/Settings an diese Fähigkeiten ab (Parker 2009, siehe auch Gesundheitskompetenz: Was ist das?).

relationales Konzept nach Parker 2009 © Koordinationsstelle ÖPGK

Was ist eine gesundheitskompetente Organisation und warum ist sie wichtig?


Eine gesundheitskompetente Organisation zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich um möglichst leichten Zugang zu relevanten Informationen und Angeboten sowie Verbesserung der Kommunikation mit ihren Nutzerinnen/Nutzer (z.B. Patientinnen/Patienten und Angehörigen) bemüht. Analog zum Setting-Ansatz in der Gesundheitsförderung, der durch die Gestaltung von Einflussfaktoren in Settings mehr Menschen wirkungsvoller erreicht als dies durch Maßnahmen für einzelne Personen möglich wäre, bemüht sich die gesundheitskompetente Organisation darum, das Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Informationen zu erleichtern. Damit fokussiert das Konzept insbesondere auf alle Aspekte der Qualität von persönlicher Kommunikation und medial vermittelter Information. Davon profitieren alle Menschen, besonders aber vulnerable Gruppen.

 

Gesundheitskompetente Organisationen im Gesundheitswesen


Das Konzept der gesundheitskompetenten Organisation ist ursprünglich in Hinblick auf Organisationen des Gesundheitswesens entwickelt worden. In den USA hat das Institute of Medicine zehn Merkmale einer Gesundheitskompetenten Krankenbehandlungsorganisation entwickelt (Brach et al. 2012). Gesundheitskompetent wird in diesem Papier im Kern als spezifisches Qualitätsmerkmal einer Organisation definiert, das auf die Strukturen, Prozesse und Outputs der Organisation angewandt und mit den üblichen Mitteln des Qualitätsmanagements bearbeitet werden kann (Brach 2017).

Das Konzept vom Institute of Medicine war Ausgangspunkt für die Entwicklung des Wiener Konzeptes Gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen (WKGKKO). Das Wiener Konzept geht jedoch in einer Reihe von Punkten über das amerikanische Konzept hinaus:

  • Während Brach et al. 2012 ausschließlich auf klinisches Outcome und in der Krankenbehandlung auf Kompetenzen für die Patientenrolle fokussiert, zielt das WKGKKO auf die Gesundheitskompetenz von Patientinnen/Patienten, Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter und der regionalen Bevölkerung ab.
  • Im Wiener Konzept geht es zusätzlich zur Gesundheitskompetenz für Entscheidungen in der Krankenbehandlung auch um Entscheidungen in der Prävention und Gesundheitsförderung. Es verfolgt damit eine umfassende Unterstützung aller beteiligten Zielgruppen (Pelikan, Dietscher 2015).
  • Das WKGKKO bietet ein Selbstbewertungs-Instrument für Krankenhäuser und macht Gesundheitskompetenz damit auf Organisationsebene bearbeitbar.

Die nachfolgende Abbildung fasst die wichtigsten Eckpfeiler einer gesundheitskompetenten Krankenbehandlungsorganisation – nach dem WKGKKO – zusammen:

  • Voraussetzungen schaffen (1,2,3),
  • Strukturen und Kernprozesse adaptieren (4,5)
  • sowie Angebote erweitern (6,7,8) (Pelikan, Dietscher 2015), (Dietscher, Pelikan 2017).
oepgk wiener konzept gesundheitskompetenter krankenbehandlungsorganisationen

Rahmenbedingungen zur Stärkung von Gesundheitskompetenz in anderen Settings

Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben.“ (Ottawa-Charta: WHO 1986)

Neben der Anwendung im „Gesundheitswesen“ begann Gesundheitskompetenz zunehmend auch in anderen Settings Fuß zu fassen. Gesundheitskompetenz-Strategien und Bewertungsinstrumente werden nunmehr für unterschiedliche Settings (weiter-)entwickelt – von Schulen, Jugendzentren, Gesunden Städten bis hin zu Betrieben/Arbeitsplätzen (Kickbusch et al. 2016). Dadurch erschließen sich weite Möglichkeiten zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz und der Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Dafür braucht es ein Zusammenspiel von Maßnahmen, die Menschen dazu befähigen, im Alltag fundierte Entscheidungen zu ihrer Gesundheit treffen zu können: zuhause, am Arbeitsplatz, im Bildungssystem, in der Nachbarschaft, in der Stadt etc.

Beispiele für organisationale Rahmenbedingungen

Qualifizierung der Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter für gesundheitskompetenten Umgang mit Patientinnen/Patienten, Schülerinnen/Schülern, Kundinnen/Kunden etc.; Integration von Gesundheitskompetenz in die Mission bzw. das Leitbild, die Strukturen und Prozesse; Einbeziehung der Zielgruppe in Entwicklung, Implementierung und Evaluation von Materialien und Angeboten; Ermöglichung eines einfachen Zugangs zu Informationen und Dienstleistungen etc.

 

Der Weg hin zu einer Gesundheitskompetenten Organisation


Die bisher vorliegenden Erfahrungen in der Umsetzung von gesundheitskompetenten Organisationen in verschiedenen Settings zeigen, dass dies am erfolgreichsten schrittweise im Sinne eines Changemanagement- oder Organisationsentwicklungs-Prozesses durchgeführt wird. Der Entwicklungsprozess beginnt üblicherweise mit Ist-Analysen der bestehenden Organisationsprozesse und -strukturen mit Hilfe unterschiedlicher Methoden – Interview, Dokumentenanalyse, Beobachtung, Assessments etc. Es gibt einige bewährte Tools und Guides für verschiedene Settings, die der Ist-Analyse und Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen dienen, diese finden Sie im Wissenscenter mit dem Schlagwort „Assessment und Befragung“.

 

Stärkung von Gesundheitskompetenz in Organisationen und Settings strategisch verankert


Die (Notwendigkeit der) Förderung organisationaler Gesundheitskompetenz wird im österreichischen Bundeszielsteuerungsvertrag 2017 aufgegriffen: Gemäß Bundeszielsteuerungsvertrag 2017, strategisches Ziel 3, op. Ziel 10 (Zielsteuerung-Gesundheit 2017), ist sowohl die individuelle als auch die organisationale Gesundheitskompetenz durch entsprechende Maßnahmen auf Bundes- und Landesebene zu fördern. Die ÖPGK, die sich bis 2017 auf zwei Schwerpunkte (1) „Gute Gesundheitsinformation Österreich“ und (2) „gute Gesprächsqualität im Gesundheitssystem“ gestützt hat, initiierte daher ab 2018 einen dritten Schwerpunkt „organisationale Rahmenbedingungen zur Stärkung von Gesundheitskompetenz“. Diese können die Umsetzung von guter Gesprächsqualität und guter Gesundheitsinformationen wesentlich unterstützen.

 

Wie unterstützt die ÖPGK die Entwicklung des Schwerpunkts Rahmenbedingungen in Organisationen und Settings?


Vor diesem Hintergrund werden im Jahr 2018 Wissensgrundlagen zu organisationalen Rahmenbedingungen zur Stärkung von Gesundheitskompetenz in unterschiedlichen Organisationen/Settings wie Krankenversorgungseinrichtungen, Jugendarbeit, Schulen  und Betrieben erarbeitet:

  • Zusammenstellung und Aufbereitung der wichtigsten internationalen und nationalen
    • Grundtexte zur gesundheitskompetenten Organisation
    • Assessmenttools
    • Modellen guter Praxis
    • Umsetzungstools  (Wie wird ein Organisationswandel eingeleitet?)
    • Studien zur Wirksamkeit, Umsetzung und Messung
  • Entwicklung eines Praxisleitfadens sowie „Kurz-Assessments“
  • Dissemination und Kommunikation des Nutzens von verbesserten Rahmenbedingungen in Organisationen und Settings bei den zentralen Stakeholdern
  • Vorbereitung und Aufbau von Praxisnetzwerken (peer learning)
  • Vorbereitung/Entwicklung von Handlungsfeldern

 


Weiterführende Information: 

Videos

 

Literatur zum Thema gesundheitskompetente Organisation

Abrams, M., Kurtz-Rossi, S., Riffenburgh, A., Savage, B. (2014). Building Health Literate Organizations: A Guidebook to Achieving Organizational Change, Unity Point Health.

Brach, C., Keller, D., Hernandez, L. M., Baur, C., Parker, R., Dreyer, B., Schyve, P., Lemerise, A.J., Schillinger, D. (2012). Ten Attributes of Health Literate Health Care Organizations [dt. Übersetzung: „Zehn Merkmale Gesundheitskompetenter Krankenversorgungsorganisationen“], Washington, DC: Institute of Medicine of the National Academies.

Brach, C. (2017). The journey to become a health literate organization: A snapshot of health system improvement, in R.A. Logan and E.R. Siegel (Eds) Health Literacy, Ios Press, S. 203 – 237.

Dietscher, C. und Pelikan, J.M. (2016). Gesundheitskompetente Krankenbehandlungsorganisationen, Prävention und Gesundheitsförderung 11(1): 53-62.

Dietscher, C. und Pelikan, J.M. (2017) Health-literate hospitals and healthcare organizations. Results from an Austrian feasibility study on the self-assessment of organizational health literacy in hospitals, in D. Schaeffer and J.M. Pelikan  (eds)  Health Literacy. Forschungsstand und Perspektiven [Health literacy. Research status and perspectives], Bern: hogrefe, pp 303–13.

Farmanova, E., Bonneville, L., Bouchard, L. (2018) Organizational Health Literacy: Review of Theories, Frameworks, Guides, and Implementation Issues, 55, 1-17.

Kickbusch, I., Pelikan, J. M., Apfel, F. and Tsouros, A. D. (eds) (2014). Health literacy: the solid facts [dt. Fassung (2016): Gesundheitskompetenz. Die Fakten], World Health Organization, Denmark: Regional Office for Europe.

Meggetto, E., Ward, B., Isaccs, A. (2017) What´s in a name? An overview of organisational health literacy terminology, Australien Health Review.

Parker, R. (2009): Measures of Health Literacy. Workshop Summary: What? So What? Now What?, The National Academies Press, Washington.

Pelikan, J. and Dietscher, C. (2015). Warum sollten und wie können Krankenhäuser ihre organisationale Gesundheitskompetenz verbessern?, Bundesgesundheitsblatt, Berlin Heidelberg: Springer, 58:989–95.

Rudd, R.E. and Anderson, J.E. (2006) The health literacy environment of hospitals and health centers, Boston: Harvard School of Public Health.

Rudd, R.E (2017). Health Literacy Developments, Corrections, and Emerging Themes, in D. Schaeffer and J.M. Pelikan (eds) Health Literacy. Forschungsstand und Perspektiven, Bern: hogrefe, S. 19-32.

Trezona, A., Dodson, S. and Osborne, R. H. (2017). Development of the organisational health literacy responsiveness (Org-HLR) framework in collaboration with health and social services professionals, BMC Health Services Research, 17 (513):1-12.

WHO (1986): Ottawa-Charta for Health Promotion. International Conference on Health Promotion, Ottawa

Zielsteuerung-Gesundheit (2017): Zielsteuerungsvertrag auf Bundesebene in der von der Bundes-Zielsteuerungskommission am 24. April 2017 zur Unterfertigung empfohlenen Fassung. Bund, vertreten durch Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und Länder, Wien