Gesundheitskompetenz: Was ist das?

Gesundheitskompetenz (Health Literacy) ist ein wichtiger Eckpunkt der Gesundheit und der gesundheitlichen Chancengleichheit aller in Österreich lebenden Menschen. Sie soll die Bevölkerung dabei unterstützen, im Alltag selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, die ihre Gesundheit fördern.

Das Konzept der Gesundheitskompetenz gewinnt seit den 1990er Jahren zunehmende internationale Bedeutung durch eine Reihe von Studien, die klare Zusammenhänge zwischen der Basisbildung (Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten) und der Gesundheit belegen. Diese Erkenntnisse inspirierten weitere Studien zur Erforschung, wie gut Patientinnen und Patienten Gesundheitsinformationen finden können, wie gut sie ihre Ärztin/ihren Arzt verstehen und wie sich dies auf den Behandlungserfolg auswirkt.

Mit der Etablierung des umfassenden somato-psycho-sozialen Gesundheitsbegriffes hat Gesundheitskompetenz auch in die Gesundheitsförderung Eingang gefunden und steht mit Schlüsselbegriffen wie Empowerment und Partizipation in Verbindung (Altgeld und Kickbusch 2012, Nutbeam 2000).

Hinweis: Die Präsentation der Vorsitzenden der ÖPGK, Dr. Christina Dietscher, anläßlich der 9. Nationalen Gesundheitskonferenz Luxemburg im April 2017 mit der Titel „Gesundheitskompetenz: Bedeutung und Relevanz, internationale Entwicklungen, nationale Umsetzungsbeispiele“ gibt einen aktuellen Überblick über folgende Themen:

  • Gesundheitskompetenz: Was ist das und warum ist sie wichtig?
  • Wo steht Gesundheitskompetenz in Europa?
  • Was tun, um Gesundheitskompetenz zu verbessern?

Definition von Gesundheitskompetenz

Gesundheitskompetenz ist verknüpft mit allgemeiner Bildung und umfasst

  • das Wissen,
  • die Motivation und
  • die Fähigkeiten

von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen

  • zu finden,
  • zu verstehen,
  • zu beurteilen und
  • anzuwenden,

um im Alltag in den Bereichen

  • Gesundheitsförderung (zur Erhaltung und Stärkung der Gesundheit),
  • Prävention (zur Vorbeugung von Beschwerden oder Erkrankungen) und
  • Krankenversorgung (bei bestehenden Beschwerden oder Erkrankungen)

Entscheidungen treffen zu können, die zur Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheit während des gesamten Lebensverlaufs beitragen.

Gesundheitskompetenz ist einerseits eine Frage der persönlichen Fähigkeiten, hängt aber andererseits von den Anforderungen der Umgebung an diese Fähigkeiten ab (Parker 2009).

Um die persönliche Gesundheitskompetenz zu steigern, können Maßnahmen getroffen werden, bei denen Menschen in ihrem gesundheitsbezogenen Wissen und ihren gesundheitsbezogenen Fähigkeiten gefördert und unterstützt werden. Gleichzeitig gilt es immer auch die Motivation zu steigern, sich mit gesundheitsrelevanten Informationen auseinanderzusetzen, diese kritisch zu beurteilen und nach Möglichkeit selbstbestimmt anzuwenden.

Die Stärkung der Gesundheitskompetenz bedarf aber auch einer Verbesserung der Rahmenbedingungen und Informationsangebote im Sinne einer gesundheitskompetenten Gestaltung der sozialen Settings und Organisationen. Solche gesundheitskompetenten Organisationen erleichtern es den Menschen, Informationen und Dienste zu finden, zu verstehen und zu benutzen, um gute Gesundheitsentscheidungen zu treffen (Brach et al. 2012).

Gesundheitskompetenz als Gesundheitsdeterminante

Gesundheitskompetenz ist eine Schlüsseldeterminante von Gesundheit (WHO 2013). Eine hohe persönliche Gesundheitskompetenz und die verständliche Gestaltung von Gesundheitsinformationen tragen dazu bei, Fragen der körperlichen und psychischen Gesundheit besser zu verstehen und gute gesundheitsrelevante Entscheidungen zu treffen.

Für betroffene Personen hat geringe Gesundheitskompetenz eine Reihe negativer Auswirkungen auf die Gesundheit, z.B. geringere Therapietreue, häufigere späte Diagnosen, schlechtere Selbstmanagement-Fähigkeiten und höhere Risiken für chronische Erkrankungen. Sozio-ökonomisch benachteiligte Menschen sind von den negativen Auswirkungen überdurchschnittlich häufig betroffen. Auf Bevölkerungsebene verursacht geringe Gesundheitskompetenz hohe Kosten im Gesundheitssystem.

Messen, planen, umsetzen

Gesundheitskompetenz ist messbar. Erst eine Messung der Stärken und Schwächen der Gesundheitskompetenz von Personen, Gruppen und Organisationen bzw. Systemen ermöglicht das strategische Planen von gezielten Maßnahmen für konkrete Zielgruppen oder Organisationen, um soziale Ungleichheiten zu beseitigen und Gesundheitssysteme zu stärken.

Im Rahmen der European Health Literacy Survey (HLS-EU-Studie) wurde ein umfassender Fragenkatalog mit insgesamt 47 Fragen für die Erhebung von Gesundheitskompetenz einer repräsentativen Stichprobe in den Bereichen Krankheitsbewältigung, Prävention und Gesundheitsförderung erstellt. Die Studie ergab, dass die befragten Österreicherinnen und Österreicher ihre Gesundheitskompetenzen deutlich schlechter einschätzen als die befragten Personen in anderen Ländern (WHO 2014).

 


Altgeld, T., Kickbusch, I. (2012): Gesundheitsförderung und Prävention. In: Schwartz, F.W. et al. Public Health. Gesundheit und Gesundheitswesen. München, 188-196.

Brach, C., Keller, D., Hernandez, L.M., Baur, C., Parker, R., Dreyer, B., Schyve, P., Lemerise, A.J., Schillinger, D. (2012): Ten attributes of health literate health care organizations. Institute of Medicine, Washington DC.

Nutbeam, D. (2000): Health literacy as a public health goal: a challenge for contemporary health education and communication strategies into the 21st century. Health Promotion International, 15 (3), 259-267.

Parker, R. (2009): Measures of Health Literacy. Workshop Summary: What? So What? Now What?, The National Academies Press, Washington.

WHO (2013): The Solid Facts Health Literacy. World Health Organization, Regional Office for Europe, Copenhagen.

WHO (2014): Health Literacy Toolkit for low- and middle-income countries: a series of information sheets to empower communities and strengthen health systems. World Health Organization, Regional Office for South-East Asia, New Delhi.