Studie: Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps

Die deutsche Studie CHARISMHA untersucht das stetig wachsende Angebot von „Gesundheits-Apps“ und fasst die Chancen und Risiken zusammen. Um in Zukunft die positiven Potenziale von „Mobile Health“ für die Gesundheitsversorgung ausschöpfen zu können, identifiziert die Autorengruppe konkrete Handlungsfelder und Akteurinnen/Akteure.

 

Ob zur Gewichtskontrolle, als Fitness- und Wellness-Anwendungen oder als komplexes Programm zur Diagnostik und Behandlung bestimmter Erkrankungen: Die Zahl der Gesundheits-Apps nimmt rapide zu. Rund 90.000 dieser kleinen Programme für Smartphones und Tablets sind in den „App Stores“ von Apple und Google verfügbar. Ende April 2016 stellte Dr. Urs-Vito Albrecht vom deutschen Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) eine umfassende Studie zu Gesundheits-Apps vor.

 

Erste deutsche Studie zu Gesundheits-Apps


Gemeinsam mit 18 Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern arbeitete Dr. Albrecht in der Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA)“ die aktuellen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Gesundheits-Apps auf – aus den Blickwinkeln von Medizin, Informatik, Ethik, Recht, Ökonomie und Politik. „In der Studie haben wir Handlungsoptionen für den sinnvollen Einsatz identifiziert und empfehlen Maßnahmen, um dem Wildwuchs unter den Gesundheits-Apps Herr zu werden“, betont Dr. Albrecht. „Ziel ist es, das positive Potenzial auszuschöpfen und Risiken der Anwendungen zu minimieren“. Darüber hinaus analysiert die Arbeit gesetzliche Rahmenbedingungen und formuliert Vorschläge zur Förderung von Mobile Health (mHealth)-Anwendungen.

 

Handlungsfelder für zukünftige Diskussionen


Im letzten Kapitel der Studie werden sieben Handlungsfelder herausgearbeitet: Organisation & Infrastruktur, Finanzierung, Zugang, Regulation, Forschung, Qualität, Transparenz und Information. Zu diesen Handlungsfeldern leitet das Autorenteam 64 konkrete Handlungsoptionen und die beteiligten Akteure ab. Das deutsche Bundesministerium für Gesundheit förderte diese bundesweit erste Studie, die sich wissenschaftlich-systematisch mit mHealth-Anwendungen beschäftigt.

 

Dünne Evidenz zu Nutzen und Risiken


Einen verantwortungsvollen Einsatz vorausgesetzt, könnten Gesundheits-Apps in der Medizin die Entwicklung von ressourcenschonenden Versorgungsangeboten unterstützen. Eventuell können sie sogar zur Steigerung der Leistungs- und Versorgungsqualität beitragen, besonders bei der Betreuung chronisch kranker oder älterer Personen. „Grundsätzlich ist die Evidenz zum Thema dünn, was eine objektive Einschätzung des Nutzens der Technologie immens erschwert“, so Dr. Albrecht.

Neben den Nutzenpotenzialen würden Gesundheits-Apps laut der Studie auch eine Reihe von Risiken bergen. Diese ergeben sich vor allem aus einem unreflektierten Einsatz der Apps von Seiten der Nutzerinnen und Nutzer. Risiken können sich sowohl aus der Wirksamkeit samt möglichen Nebenwirkungen oder Nichtwirksamkeit ergeben.

Überwiegend sind die angebotenen Gesundheits-Apps kostenfrei. Für die Finanzierung der Entwicklungskosten sowie zum Erzielen von Gewinnen wird oft unter anderem Werbung in die Apps integriert. Auch über die Apps gesammelte Daten könnten verkauft werden, was die Autorinnen/Autoren der Studie kritisch sehen, da es die Privatsphäre gerade im sensiblen Gesundheitsbereich angreift.

 

„Digitale Kluft“ verringern


Um eine „digitale Kluft“ der Nutzungsmöglichkeiten moderner mHealth-Technologien zwischen unterschiedlich gebildeten Bürgerinnen/Bürgern zu verringern – der Besitz eines Smartphones alleine ist für eine sinnvolle Nutzung nicht ausreichend – wird in der Studie eine Gesundheitsalphabetisierung gefordert. Darunter wird die Fähigkeit verstanden, Apps kritisch bewerten und richtig anwenden zu können.  Regulationen bestehen nur für Medizin-Produkte bestehen, aber nicht für Gesundheits-Apps. Durch Datenschutz würden die speziellen Anforderungen nur unzureichend berücksichtigt.

 

Orientierungshilfen gefordert


Zum Thema Qualität und Sicherheit wird in der Studie festgestellt, dass die Suche nach qualitativ hochwertigen, validen Gesundheits-Apps sowohl für Laien als auch für medizinische Fachkräfte heutzutage eine Herausforderung darstellt. Trotz der bisher vorhandenen Orientierungshilfen und Plattformen besteht laut Studie Bedarf an umfassenden und validen Orientierungshilfen zur Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit von Gesundheits-Apps. Auch auf professionelle Gesundheits-Apps im Behandlungskontext wird im Hinblick auf die Erkennbarkeit ihrer Qualität und Vertrauenswürdigkeit eingegangen.

Für das Handlungsfeld Qualität konstatiert die Studie, dass nur qualitativ hochwertige Apps im Gesundheitskontext zur Anwendung kommen sollten, um Sicherheit und Funktionalität zu gewährleisten. Doch der Qualitätsbegriff ist bis dato nicht einheitlich definiert. Eine Abstimmung ist notwendig, um Standards entwickeln zu können und Prüfungen der Qualität zu ermöglichen.

 

Zielgruppe der CHARISMHA-Studie


Die CHARISMHA-Studie richtet sich nicht nur an Akteurinnen/Akteure aus Wissenschaft, Politik und Industrie, die in diesem technikgetriebenen Umfeld forschen und arbeiten, sondern auch an interessierte Bürgerinnen/Bürger. Als Bestandsaufnahme soll sie Ausgangsbasis für weitere Forschungsfragen und Handlungsschritte zum Thema sein und Nutzerinnen/Nutzern Hilfen zur eigenen Einschätzung mobiler Technologien und dem Umgang damit geben.

Die 370 Seiten umfassende Studie sowie eine 47-seitige Kurzfassung stehen kostenlos unter www.charismha.de zur Verfügung.

09.06.2016

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