Durch Outreach-Arbeit zu einer höheren Gesundheitskompetenz

Der Verein IKEMBA arbeitet mit „hard-to-reach“-Gruppen, vor allem Menschen mit Migrationserfahrung aus sozial schwachen Gruppen. Im Projekt „Health literacy for everyone“ – eine ÖPGK-Maßnahme – wird Gesundheitskompetenz und interkulturelle Interaktion gefördert. Ein Einblick in Theorie und Praxis der „Outreach-Arbeit“.

Vor allem sozial benachteiligte und bildungsferne Menschen mit Migrationshintergrund, betroffen von niedriger Qualifizierung, psychischen Belastungen, Arbeitslosigkeit und Diskriminierungserfahrungen, finden sich schlecht im österreichischen Gesundheitssystem zurecht. Sie haben geringe Möglichkeit zur gesellschaftlichen Partizipation und leben vermehrt in Isolation oder flüchten sich in ethnische Communitys. Diese Personen haben eine geringe Gesundheitskompetenz, werden von Regeldiensten nicht erreicht und gelten auch für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung als schwer erreichbar. Es bedarf für diese Personen einen geeigneten Zugang, um Vertrauen aufzubauen, zu informieren und aufzuklären.

Der wissenschaftliche Hintergrund

Studien, welche sich unter anderem mit der Verbesserung der Angebotsstruktur in der Steiermark und in Österreich beschäftigen, kommen immer wieder zu dem Schluss, dass einerseits niederschwellige und aufsuchende Zugänge  für das Erreichen von „schwer erreichbaren“ Menschen erfolgsversprechend sind und andererseits lebensweltnahe Akteurinnen/Akteure, wie etwa relevante Multiplikatorinnen/Multiplikatoren, in spezifischen Communitys eingesetzt werden sollen (Anzenberger, Bodenwinkler & Breyer, 2015). So gilt der Einsatz von Schlüsselpersonen aus dem kulturellen Umfeld als hilfreich (Mayer, 2011). Dadurch können die Regelangebote tatsächlich in Anspruch genommen werden.

Im Sinne eines individuell passgenauen Angebotes sollte zur Aufklärung und Informationsvermittlung erforderlichenfalls auch ein weiterführendes Beratungs- und Unterstützungsangebot hinzukommen (Auferbauer & Lederer-Hutsteiner, 2015). Und Interventionen, welche sowohl verhaltens- als auch verhältnisorientiert sind, haben einen positiven Effekt auf die Gesundheit von Migrantinnen/Migranten. Dabei gilt, dass die Einbettung in eine vertraute Umgebung als wichtiger Erfolgsfaktor angesehen wird (Mayer, 2011).

Outreach-Arbeit: Was ist das?

Diesen Empfehlungen kann Verein IKEMBA durch seine Outreach-Arbeit – als niederschwellige, ressourcenorientierte, nachgehende Soziale Arbeit im Lebensumfeld der Menschen – und der intensiven Zusammenarbeit mit Community-Leaderinnen/-Leadern gerecht werden. Diese Methode der sozialen Arbeit ist die Basis des Projektes „Health literacy for everyone“, welches sich zum Ziel gesetzt hat, die Gesundheitskompetenz von „hard-to-reach-Gruppen“ zu fördern und die interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen zu thematisieren. Dabei stellt die Outreach-Arbeit die Basis für die darauf aufbauenden Maßnahmen, wie Workshops, Exkursionen, Gesundheits-Kommunikationskurse, Begleitungen und Kulturdolmetsch, Themenabende etc. dar

Outreach-Arbeit als „…aufsuchende Sozialarbeit wird als eine auf die lokale Ebene ausgerichtete Tätigkeit definiert, die Kontakte zu Einzelpersonen oder Gruppen aus bestimmten Zielpopulationen herstellt, die durch die bestehenden Einrichtungen oder das herkömmliche System nicht wirksam erreicht werden.“ (Amtsblatt der Europäischen Union, 2003).

Die praktische Umsetzung im Projekt

Verein IKEMBA – seit 2016 Mitglied der ÖPGK – hat das Konzept der Outreach-Arbeit durch seine jahrelange praktische Tätigkeit weiterentwickelt und kombiniert die vier Formen der Outreach-Arbeit in Abhängigkeit der örtlichen Gegebenheit nach Dewson et al. (2006):

  • Die Outreach-Tätigkeit im sogenannten „detached-outreach-model“ findet im öffentlichen Raum statt, z.B. in Parks, in Shopping Zentren, auf der Straße oder am Bahnhofsgelände und man tritt dort mit den Menschen in Kontakt.
  • Beim  sogenannten „peri-patetic-model“ findet die Outreach-Arbeit in den Räumlichkeiten oder Organisationen der jeweiligen Communitys statt, z.B. in religiösen Zentren, in Vereinen und Community-Verbänden. Hier wird sekundär mit den Individuen gearbeitet, primär steht die jeweilige Organisation oder auch die enge Zusammenarbeit mit den Schlüsselpersonen (Imame, Gruppenleiterinnen/-leiter, Shopsbesitzerinnen/-besitzer etc.) im Vordergrund.
  • Beim „dimiciliary model“ sucht man die Menschen zu Hause in ihren Wohnungen auf.
  • Beim sogenannten „satellite-model“, der vierten Form der Outreach-Arbeit, wird an einem zentralen Platz ein Service eingerichtet, nach dem Motto „one-stop-shop“ – für niederschwellige Beratung und Information, aber vor allem auch für treffsichere Weitervermittlung zu diversen spezialisierten Einrichtungen. In der Praxis von IKEMBA findet diese Empowerment-Beratung mit dem „one-stop-shop“ Prinzip im Vereinsbüro statt, wo besonders auf Vernetzung mit bestehenden Angeboten wert gelegt wird.

Vielschichtige Wirkungen bei den Klientinnen/Klienten

Outreach-Programme bzw. aufsuchende und nachgehende niederschwellige Sozialarbeit haben sich als zielführend und hilfreich für „schwer erreichbare“ Klientinnen/Klienten erwiesen. Die interkulturelle Outreach-Arbeit, wie sie vom Verein IKEMBA gestaltet wird, ist einzigartig in der Steiermark und zeigt Wirkung in verschiedenen Lebensbereichen der erreichten Personen und  Organisationen.

Auf der Ebene des Individuums wird Wissen und Unterstützung zugänglich, steigern sich Risikobewusstsein und Motivation, ändern sich Überzeugungen und Einstellungen und erhöht sich die Fähigkeit zur Selbsthilfe. Ebenso kommt es zu Veränderungen durch die Interaktion mit anderen Menschen, da individuelle Veränderung einer Person auch andere Menschen beeinflusst. Häufig kommt es auch zu Veränderungen in der Community. So wird Einfluss auf die Kultur innerhalb der Community ausgeübt, was bewirkt, dass existierende Tabus durchbrochen werden und somit „Community-Normen“ verändert werden. Langfristig könnten auch Veränderungen in der Sozial- und Gesundheitspolitik resultieren, indem sich die Atmosphäre und Einstellung gegenüber benachteiligter Personengruppen verändert, da relevantes Wissen über die Zielgruppe durch die Outreach-Arbeit generiert wird. So können Entscheidungsträger miteinbezogen werden, welche auch als „Dolmetscher“ für soziale Organisationen, Gesundheitsinstitutionen und Vereine agieren können (vgl. Rhodes, 1996  zit. nach Mikkonen, 2007)

Die Schwerpunkte 2017

2017 arbeitet Verein IKEMBA im Projekt „Health literacy for everyone“ – einer Maßnahme der ÖPGK – schwerpunktmäßig in den albansich-sprechenden Communitys, in Communitys aus afrikanischen Ländern Subsahara, in rumänischen, in tschetschenischen sowie in serbokroatischen Communitys. Durch Outreach-Arbeit im öffentlichen Raum sind die Maßnahmen jedoch offen für Personen unabhängig ihrer Herkunft. Aufgrund von Anfragen der Communitys – z.B. „Wie sieht eine afrikanische Ernährungspyramide aus?“ oder  „Warum ist Selbstgekochtes gesünder als ein Fertigprodukt?“ – wird 2017 thematisch in der Outreach-Arbeit das Augenmerk auf „gesunde Ernährung“ gelegt.

Ein weiterer Schwerpunkt wird auf Impfinformation und Infektionskrankheiten gelegt werden, v.a. da die Sicherung des Schutzes vor Infektionen eine Zielsetzung der steirischen Gesundheitsziele darstellt und dieses Ziel in der vergangen Projektumsetzung noch keinen Platz gefunden hat. Bei der Umsetzung wird auf die Expertise des Gesundheitsamtes der Stadt Graz zurückgegriffen. Diese Informationen werden anschließend auch in Muttersprache in den Communitys durch die Outreach-Arbeiterinnen/-Arbeiter verbreitet. Ebenso wird die Impfstelle des Gesundheitsamtes der Stadt Graz besucht.

Der dritte Schwerpunkt im Jahr 2017 – psychosoziale Gesundheit – entwickelte sich aus den Beobachtungen und Erfahrungen der Outreach-Arbeiterinnen/-Arbeitern von „Health literacy for everyone“ heraus, wo sich zeigte, dass dieser Themenkomplex noch mit vielen Tabus behaftet ist. Diese zu thematisieren und Informationen zur Förderung psychosozialer Gesundheit im Rahmen der Outreach-Arbeit zu streuen, ist ein weiteres Ziel des Projektes für 2017.

2017 wird „Health literacy for everyone“  von Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres, dem Land Steiermark und der Stadt Graz gefördert.

Autoren: Mag. Livinus Nwoha & Mag.a Barbara Pawlata, Verein IKEMBA

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Literatur:

Amtsblatt der Europäischen Union, 2003/. Nr. L165/31

Mayer Julia (2011), Migration und Gesundheit: mögliche Wege aus dem Präventionsdilemma. ÖIF Dossier Nr.17. Österreichischer Integrationsfonds.

Anzenberger, Bodenwinkler & Breyer (2015). Migration und Gesundheit. Literaturbericht zur Situation in Österreich. Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien und des Bundesministeriums für Gesundheit. Verleger: Gesundheit Österreich GmbH.

Auferbauer & Lederer-Hutsteiner, 2015, S. 21). Auferbauer, M./Lederer-Hutsteiner, T. (2015): Vielfältigkeit als Herausforderung in der Jugendinformation. Ein Einblick in empirische Untersuchungsergebnisse zu Informationsbedürfnissen steirischer Jugendlicher. In: Land Steiermark – A6 Bildung und Gesellschaft; FA Gesellschaft und Diversität – Referat Jugend (Hrsg.): jugendarbeit: bewusst vielfältig. Versuch einer interdisziplinären Auseinandersetzung.

Dewson, Davis & Casebourne (2006): Maximisindg the role of outreach in client engagement. A report of research carried out by the Institute for Employment Studies on behalf the Department for work and Pensions. Department of Work and Pensions. Research Report No. 326, Norwich.

Mikkonen et. al. (2007): Outreachwork. Among marginalised populations in Europe. Guidelines on providing integrated outreach services. Foundation Regenboog. Amsterdam.

Ohmans & Cushing (2000): Getting the word oout. Effective Health Outreach To Cultural Communitys. The Medtronic Foundation.