ÖPGK-TALK | Würde und Resilienz bei schweren Krankheiten: Mitchell M. Levy sprach über das Potential achtsamer Kommunikation

Die Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK) konnte den Vorreiter für achtsame Kommunikation und ausgewiesenen Experten für Intensivmedizin, Mitchell M. Levy am 10. Jänner 2019 im Zuge seines Wien-Aufenthalts für einen Vortrag und Gedankenaustausch an der Gesundheit Österreich GmbH gewinnen.

In seinem Vortrag gab er aktuelle Einblicke in seine Forschung und Tätigkeiten. „Levy ist Chef der Abteilung für Intensivmedizin, Lungen- und Schlafmedizin der Abteilung für Medizin der Warren Alpert Medical School der amerikanischen Brown University, an der er Professor für Medizin ist. Er arbeitet auch als medizinischer Direktor der medizinischen Intensivstation im Rhode Island Hospital.“, begrüßt der Gastgeber und Moderator des Abends, Abteilungsleiter Peter Nowak, seinen weitgereisten Gast und das Publikum.

In seiner einleitenden Diagnose stellt Levy mit Bedauern fest, dass viele Praktizierende in Gesundheitseinrichtungen über nicht ausreichende Kommunikationsfähigkeiten verfügen. Einer Studie zufolge hätten nicht einmal 10 Prozent der Ärztinnen und Ärzte Training im Zuhören und Reden mit Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen. So erinnern sich Familienangehörige ein Jahr nach einem Aufenthalt in der Einrichtung häufig an die Konflikte mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und an Kommunikationsprobleme (Abbott et al CCM 2001;29:197-201). Zudem erkranken viele Angehörige nach dem Verlust eines geliebten Menschen selbst an Depressionen. Gründe dafür werden laut Pochard et al (CCM 2001;29:1893-1897) in fehlenden regelmäßigen Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten gesehen, in nicht ausreichender Kommunikationszeit und der Weitergabe widersprüchlicher Informationen durch das Gesundheitspersonal an Angehörige.

Levy stellt außerdem eine Studie von Tulsky, Ann Int Med von 1998 vor, in der die Gesprächsanteile von Ärztinnen und Ärzten im Vergleich zu jener der Patientinnen und Patienten untersucht wurden. Dabei stellte sich heraus, dass 73 Prozent der Gesprächszeit durch die Ärztinnen und Ärzte in Anspruch genommen, allerdings nur wenig auf die Wünsche und Fragen der Betroffene eingegangen wurde.

„Aber warum ist es so schwierig?“ fragt Levy das Publikum. Seine ernüchternde Antwort: „Mehr Patientinnen und Patienten müssen in weniger Zeit für weniger Geld behandelt werden.“

Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn hätte er selbst auch nicht gedacht, dass er einmal achtsame Kommunikation lehren würde. Doch Studien und seine Arbeit bewiesen, dass schon wenige Trainingseinheiten nicht nur die Resilienz der Patientinnen und Patienten, sondern auch jene des involvierten Gesundheitspersonals verbessere. Seit nunmehr fünf Jahren führt Levy diese Achtsamkeitskurse durch. Er beobachtet dabei, dass immer mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits lange vor seinen Kursen mit den Grundgedanken der Achtsamkeit in Berührung kommen und das Angebot sehr gerne aufgreifen. Ein weiteres Beispiel für ein erfolgreich eingesetztes Kommunikationskonzept ist „Oncotalk” (SPIKES), das klare Regeln für gute Gesprächsführung in besonders heiklen und schwierigen Situationen gibt.

Wichtig sei es, die schnellen, chaotischen Arbeitsprozesse insbesondere im Krankenhaus in den Griff zu bekommen, sich Zeit zu nehmen für die Betroffenen, achtsam auf die Bedürfnisse, Wünsche und Fragen einzugehen. Levy betont hier insbesondere die therapeutische Wirkung des Schweigens seitens des Gesundheitspersonals, um den Betroffenen Raum zur Verarbeitung schlechter Nachrichten und zum Formulieren eigener Gefühle und Fragen zu geben.

Wer achtsam mit sich selbst und anderen gegenüber sei, ermögliche die Entwicklung der eigenen Resilienz, so Levy. Gesundheitspersonal müsse dem Impuls widerstehen, zu allen Fragen Lösungen zur Verfügung zu stellen. Für manches gibt es eben keine Lösungen, sondern nur den Hinweis auf die natürliche Entwicklung von Krankheit, Alter und Tod (Levy, 2019).

Autorin: Ina Lange (Fonds Gesundes Österreich)

 

Wir möchten uns noch einmal herzlichst bei Mitchell M. Levy für den sehr praxisnahen, informativen und interaktiven Abend bedanken.

28.01.2019

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