Wie gut wirkt „Bewegung auf Rezept“?

Die FH JOANNEUM schuf mit „Primary Care und Bewegungskompetenz" ein Bewegungsangebot für physisch inaktive Personen. Nach Abschluss des zweijährigen Projekts wurde dieses evaluiert. Die Ergebnisse der ÖPGK-Mitgliedermaßnahme sind in diesem Artikel zusammengefasst.

Laut der Österreichischen Gesundheitsbefragung 2014 erfüllen mehr als 75% der in Österreich lebenden Personen die Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung nicht und sind in Folge dessen als „körperlich inaktiv“ einzustufen (Statistik Austria, 2015). Die Gründe dafür sind vielfältig. Es zeigt sich u.a., dass viele inaktive Personen zu wenig Kompetenzen für ein adäquates Bewegungsverhalten besitzen.

Hier setzt die „Physical Literacy (Bewegungskompetenz)“ an, die in einem positiven Zusammenhang mit einem physisch aktiven Lebensstil steht. Der Ansatz zur Bewegungsförderung beziehungsweise Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung auf Ebene der Primärversorgung ist ein wichtiger Bestandteil der strategischen Neuausrichtung des steirischen Gesundheitswesens. Im Rahmen der steirischen Gesundheitsziele, wird diesem Ansatz viel Potenzial zugesprochen. „Bewegung auf Rezept“ soll zukünftig zur etablierten Strategie im steirischen Gesundheitswesen werden.

Änderung des Bewegungsverhaltens als Ziel

Primäres Ziel des Projektes „Primary Care und Bewegungskompetenz“ war es, die Bewegungskompetenz von bisher inaktiven Personen in zwei steirischen Modellregionen (Feldbach/Bad Gleichenberg und Mürzzuschlag) zu fördern. Die Zielgruppe wurde in der Primärversorgung identifiziert. Die teilnehmenden Ärztinnen/Ärzte waren in motivierender Ansprache geschult und konnten so die Vorteile von Bewegung aufzeigen und durch Weitervermittlung zu einem adäquaten Bewegungsangebot (Durchführung FH JOANNEUM) eine Verhaltensänderung initiieren. Inaktive Patientinnen/Patienten entwickelten die Willenskraft, die Verhaltensänderung in die Praxis umzusetzen und im angemessenen Ausmaß Bewegung in den Alltag zu integrieren. Alle Trainingseinheiten in beiden Modellregionen wurden von einem Sportwissenschaftler konzipiert und umgesetzt. An den Bewegungsinterventionen nahmen insgesamt 60 Personen teil. Die Einheiten wurden einmal wöchentlich über einen Zeitraum von 15 Wochen durchgeführt.

Ergebnisse der qualitativen Befragung

Zur Prozess-Evaluation wurden im Zeitraum von Jänner bis März 2017 leitfadengestützte Interviews mit teilnehmenden Ärztinnen/Ärzten und Teilnehmerinnen/Teilnehmern der Bewegungsmaßnahmen durchgeführt. In diesem Rahmen wurden folgende Ergebnisse bzw. Erfahrungen festgehalten:

  • Die „räumliche Distanz“ zum Angebot spielt eine entscheidende Rolle für die Teilnahme an einem Bewegungsangebot im Sinne von „Bewegung auf Rezept“.
  • Besonders wichtig ist auch die Niederschwelligkeit des Angebots, damit alle Personen unabhängig von den physischen Grundvoraussetzungen mitmachen können.
  • Die Übungen sollen so konzipiert sein, dass sie die TeilnehmerInnen auch Zuhause einsetzen bzw. nachmachen können, die Vermittlung von Handlungswissen ist dabei besonders wichtig.
  • Eine hohe Variabilität bzw. Abwechslung bei der Gestaltung der Einheiten erhöht die Compliance der Teilnehmerinnen/Teilnehmer.
  • Erklärungen zu den vorgezeigten Übungen sind für die Teilnehmerinnen/Teilnehmer sehr wichtig und erwünscht, dies bezieht sich sowohl auf das Handlungswissen als auch auf das Effektwissen.
  • Die Räumlichkeiten spielen ebenfalls eine große Rolle, der Raum sollte eine angemessene Größe haben und unter anderem sind Glaswände unpassend, da sich die Teilnehmerinnen/Teilnehmer beobachtet fühlen.

Laut der Befragten war die Tatsache, dass das Bewegungsangebot kostenlos angeboten wurde, zwar ein zusätzlicher Motivationsfaktor, aber nicht entscheidend für die Teilnahme. Ein Grund, warum die Teilnehmerinnen/Teilnehmer bis dato noch an keinem anderen Angebot teilnahmen, war des Öfteren eine vorausgesetzte langfristige finanzielle Verpflichtung durch z.B. Abonnements in Vereinen oder Fitnessstudios.

Es zeigt sich, dass die Rekrutierung über Ärztinnen/Ärzte eine hohe Compliance-Quote ergibt. Die Gründe hierfür könnten vor allem im hohen gesellschaftlichen Reputationszuspruch dieser Berufsgruppe liegen. Besonders bei älteren Personen haben Ärztinnen/Ärzte eine besonders hohe Stellung hinsichtlich der eigenen Meinungsbildung.

Darüber hinaus stellte sich in der zweiten Modellregion (Mürzzuschlag) das lokale Gesundheitszentrum als überaus hilfreich in der Identifikation und Rekrutierung von körperlich inaktiven Personen heraus. Für den Großteil der Teilnehmerinnen/Teilnehmer war die Homogenität der Gruppe für die Teilnahme am Bewegungsangebot ausschlaggebend. Bezugnehmend auf bereits bestehende Angebote von Vereinen oder Fitnessstudios wird sehr oft vermutet, dass man sich mit jüngeren und körperlich fitteren Personen messen muss. Durch diese „Angst zu Scheitern“ entschließen sich inaktive Personen eher dazu, sich solchen Angeboten nicht anzuschließen.

Motivation und Begleitung durch Fachkräfte als entscheidender Faktor

Mit den gesetzten Projektmaßnahmen ist es gelungen, erste Erfahrungen in Richtung „Bewegung auf Rezept“ für Österreich zu sammeln. Die Motivation durch Ärztinnen/Ärzte und die Trainerin/den Trainer sind für inaktive Personen wesentlich, wenn es um die Teilnahme an einem Bewegungsangebot geht. Für zukünftige gesundheits- und bewegungsfördernde Projekte ist eine verstärkte Integration von Allgemeinmedizinerinnen/Allgemeinmediziner aufgrund dieser Erkenntnisse sehr zu empfehlen. Eine angemessene Gestaltung der Bewegungsangebote ist ausschlaggebend für eine nachhaltige Verbesserung des Bewegungsverhaltens von inaktiven Personen und wichtig für die Steigerung der Bewegungskompetenz.

Informationsfolder für Ärztinnen/Ärzte

Als ein wichtiges Produkt zur Nachhaltigkeit wurde im Rahmen des Projekts ein Informationsfolder erstellt. In diesem wird die Bedeutung der Primärversorgung als wichtige Ressource zu Bewegungsförderung verdeutlicht. Dieser Folder wird an Ärztinnen/Ärzte der Primärversorgung weitergegeben und sie werden gebeten, Ihre Patientinnen/Patienten zu diesem Thema zu informieren und sie zu motivieren ihr Bewegungsverhalten zu optimieren.

In beiden Modellregionen finden weiterführende Bewegungsangebote für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer statt. Im Rahmen des Projekts konnte bei den Personen, die am Bewegungsangebot teilgenommen haben, eine Verbesserung der Bewegungskompetenz gemessen werden.

Das Projekt wurde aus Mitteln des Gesundheitsförderungsfonds Steiermark finanziert.

 

Autorin: Silvia Tuttner, FH JOANNEUM – Institut für Gesundheits- und Tourismusmanagement

Kontakt: silvia.tuttner@fh-joanneum.at

Zum abgeschlossenen Projekt Primary Care und Bewegungskompetenz

Die FH JOANNEUM ist mit der Maßnahme Auf Gesundheitskurs – Gesundheitskompetent in Feldbach Mitglied der ÖPGK.

 

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