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Der Kampf gegen eine weitere Ausbreitung des Corona-Virus hat vieles grundlegend geändert. Rückzugsorte – vor allem die eigenen vier Wände – haben an Bedeutung gewonnen, zumal sich stabile und angemessene Wohnverhältnisse auch positiv auf die Gesundheit auswirken. Wie aber haben wohnungslose Menschen, obdachlose Menschen und Langzeitnutzer/-innen von Notschlafstellen die Krise über- und erlebt? Diese und andere Fragen, haben wir bei einem Besuch in der neunerhaus Arztpraxis, die Mitglied der ÖPGK ist, gestellt.

Die neunerhaus Arztpraxis – multiprofessionell, niederschwellig und unkompliziert

Für viele Menschen ist die neunerhaus Arztpraxis im neunerhaus Gesundheitszentrum der erste medizinische Kontakt nach Jahren der Wohnungs- oder Obdachlosigkeit. Hier wird anonyme und kostenlose Hilfe und Beratung angeboten. Neben dem medizinischen Betreuungs- und Versorgungsangebot trägt die sozialarbeiterische Beratung ganz wesentlich dazu bei, Misstrauen, Angst und Schamgefühle zu bewältigen und Hürden zu beseitigen. Solche Hürden können sehr vielfältig sein – etwa Sprachbarrieren oder ein fehlender Versicherungsschutz. neunerhaus unterstützt die Menschen dabei, sich im Gesundheits- und Sozialsystem wieder zurechtzufinden, Ansprüche auf Versicherung geltend zu machen oder Sprachbarrieren zu überwinden, bei Letzterem unterstützt Videodolmetsch. Das multiprofessionelle Team im neunerhaus Gesundheitszentrum besteht aus Allgemeinmediziner/-innen, Sozialarbeiter/-innen, Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen, Zahnärzt/-innen und Assistent/-innen sowie einem Peer der Wohnungslosenhilfe.

2019 konnten insgesamt 5.300 Patient/-innen beraten und versorgt werden. Die kontinuierliche Zunahme an Patentinnen und Patienten zeigt den Bedarf und die Bedeutung der neunerhaus Arztpraxis auf.

„Aus unserer Erfahrung wissen wir: Wohnungslosigkeit macht krank. Sie hinterlässt körperliche und seelische Wunden, die oft lange brauchen, um wieder zu heilen. Während der Krise haben wir mehr denn je gesehen, wie problematisch es ist, wenn Menschen außerhalb des Gesundheitssystems stehen“, so neunerhaus Geschäftsführerin Daniela Unterholzner.

Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Im Jahr 1986 stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Ottawa-Charta die Gesundheitsförderung in den sozialen Kontext: Gesundheit und Gesundheitsförderung sind nicht einfach nur die Angelegenheit des/der Einzelnen, sondern ein gesellschaftliches Potenzial – etwas, das im Alltagsleben mit den Mitmenschen gelebt und „produziert“ wird.

Die Bereichsleitung des neunerhaus Gesundheitszentrums, Sandra Stuiber-Poirson dazu: „Wenn man obdach- oder wohnungslos ist, steht die eigene Gesundheit meist nicht an erster Stelle. Die Gesundheitskompetenz unserer Patient/-innen zu fördern heißt daher, brachliegende Ressourcen zu reaktivieren. In der Beratung und Behandlung arbeiten wir so, dass unsere Patient/-innen Zusammenhänge verstehen und sie als sinnhaft und handhabbar wahrnehmen. Niederschwelligkeit bedeutet auch Chancengleichheit für alle.“

Der Besuch bei neunerhaus hat uns einen Einblick in die tägliche Arbeit des Gesundheitszentrums, aber auch der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung und des neunerhaus Cafés gegeben. An all diesen Orten wird den Menschen neben fachlicher Expertise vor allem vermittelt, dass das Team von neunerhaus da ist, zuhört und sich Zeit für die unterschiedlichen Anliegen nimmt. Dabei wird großer Wert auf die Stärkung der Gesundheitskompetenz gelegt. Mit niederschwelligen Angeboten, die sich an der Lebenswelt der Zielgruppe orientieren.“, so der Leiter des Fonds Gesundes Österreich und der Koordinationsstelle der ÖPGK, Dr. Klaus Ropin.

03.09.2020

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